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Tag 8: Primaballerina

Nun bin ich bereits über eine Woche unterwegs und der Norden scheint mir immer mehr zu entgleiten. Immer ferner fühlt sich der Traum, Hammerfest zu erreichen an, immer unwirklicher erscheint die Erfüllung des Traumes, Winter zu erleben im hohen Norden.

Zum einen ist der Weg noch unüberblickbar weit, die Situation an den vielen zu querenden Grenzen uneinheitlich und herausfordernd mit den in jedem Land unterschiedlichen Pandemiegestimmungen und den beizubringenden Tests, die nicht älter als 48 Stunden sein dürfen. Zum anderen sagen die Wetterberichte heftige Niederschläge und warmes Wetters bis ans Nordkap mit Regen und Temperaturen im positiven Bereich voraus. Wo bleibt der Winter? Schneematsch mit heftigem Regen und Überschwemmungen haben wir zu Hause mittlerweile genügend. Wo bleibt die Kälte, die Ruhe?

Eine große Leere breitet sich aus. Eine große Unruhe paart sich dazu, eine unpassende Kombination, die mich ratlos lässt: hier bleiben, nach Norden oder gar Süden weiter?

Ich entschließe mich, weiter gegen Norden zu fahren, damit die Hoffnung auf Winter und Ruhe verbindend. Da ich über Schweden reisend Finnland durchqueren und in Norwegen neu einreisen müsste und die Tests in Lappland relativ zeitnah, also innert Tagen und nicht Wochen durchgeführt werden müssten, was nicht garantiert ist, entschied ich mich, in Norwegen zu bleiben und gegen Norden zu fahren, allen Widrigkeiten auf der Straße zum Trotz.

Der Start gelang, eine gemütliche Fahrt über Höhen und Tiefen, durch Wälder, über karge Hochplateaus in frisch verschneiten Glanz endete an der Küste beinahe im Desaster.

Doch der Schneefall ging bald in heftigen Regen über, der die ganze Straße abwechslungsweise in eine Eisrinne, in eine schwarze Piste mit Glatteis durchsetzt oder eine schwimmende Pflotschpiste verwandelte. Dazwischen un den höheren Lagen stand der Schnee teilweise über 20cm hoch, durchtränkt vom Regen. Eine üble Situation, vorallem, wenn das Ziel über 1300km noch entfernt liegt.

An einer Stelle lag der völlig mit Regen durchtränkte Schnee 10cm hoch, die Straße war leicht abhältst, der 2.1Tonnen schwere Wagen begann zu schieben, die eingesetzte Rekuperation bremste nicht, weil der Blauwal aufschwamm. Darum schoss ich viel zu schnell auf die kommende Rechtskurve zu, trotz rechtssteuern schwamm der Wagen unbeirrt auf die Gegenfahrbahn beinahe geradeaus und begann nur ganz langsam einzulenken. Plötzlich den Asphalt greifend schoss der Wagen wie eine Rakete rechts in Richtung Leitplanke, der ich mit beherztem Gegenlenken entging. Mein Bauchgefühl, dass ich nicht gerne hinunter fahre, hat sich bestätigt, hob aber meine Laune ob der misslichen Bedingungen nicht.

Die Krönung setzte die zu durchquerende Eisenbahnunterführung auf, welche gefüllt mit Wasser ca 35cm hoch den Blauwal beinahe abtauchen ließ. Heute Nacht giesst es weiter in Strömen. Gute Nacht.

Ein Kommentar

  1. Herr Ärmel Herr Ärmel

    Lieber Thomas, gehadert habe ich, ob ich das Buch „Überwintern“ von Katherine May als diesjährigen Reisebegleiter für Dich verwenden soll. Die Autorin benutzt nämlich „Winter“ auch als Metapher für persönliche Krisen. Das wollte ich eigentlich ausklammern. Nun ist aus Deinem Tagesbericht Erschöpfung, Ratlosigkeit und etwas Frustration zu lesen. Und ob Deiner Beschreibung der schlitternden Fahrt pöpperlet einem das Herz ganz arg. Winter ist auch unberechenbar und birgt Gefahren. Winter diktiert, gibt den Rhythmus vor und kann auch alles zum Stillstand bringen.
    Man weiss das und trotzdem fällt es Dir (noch) schwer, Dich ihm zu ergeben und – wenn es sein muss – innezuhalten. Du willst den echten, schönen, märchenhaften Winter, was nach Deinen Vorjahreserlebnissen nur zu verständlich ist. Und ich wünsche es Dir so sehr, dass Du diesen Winter doch noch finden, erleben und geniessen kannst. Du wirst einen Weg finden!
    Kein Zitat von Frau May heute – dafür etwas von Purcell: https://youtu.be/gUETgs791tk

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